Meine Meistern

Man pflegt heute die ganze Verantwortung für Erfolge und Misserfolge dem Einzelnen zu geben. Doch je älter ich werde, desto deutlicher merke ich, dass die Idee, alles würde an einer Person liegen, meistens eher eine Fiktion ist. In der Praxis sind wir doch alle Mitarbeitern, Freunden, Mentoren und Lehrern verpflichtet.

Es ist vielleicht nicht ganz modisch diejenige zu danken, die uns auf dem Weg geholfen haben, aber selbst auf die Gefahr als Schmeichler  abgestempelt zu werden, möchte ich diese Seite meinen Meistern widmen. In meiner Arbeit als Instrumentenbauer habe ich drei davon gehabt: sie haben alle auf unterschiedlichen Ebenen zu meiner Ausbildung beigetragen und zwar sowohl mit praktischen Lehren als auch mit der Erweiterung meiner mentalen Perspektive.

Joel Speerstra war der erste, der mir das Clavichord vorgestellt hat: ein Instrument, das heute oft völlig vernachlässigt wird. Nach dem ersten Kontakt, während einer Sommerakademie in Smarano, musste ich erkennen, dass eine einzige Woche am Clavichord meine Orgeltechnik verbessert hatte.
In der Akademie gab es einige schöne Instrumente von Joel und anderen, eher dürftig, von einem anderen Erbauer, der ich hier nicht erwähnen werde. Das einzige Verdienst dieser letzten Instrumente, an denen gar niemand studieren wollte, war mich zu überzeugen, dass so was hätte ich selbst besser gemeistert. Als ich nach Hause kam, begann ich sofort mein erstes Clavichord.

In Wirklichkeit täuscht das Aussehen des Instruments völlig über die reale Schwierigkeit: mich hat es fast 10 Jahre Experimente gekostet, bevor ich Instrumente entworfen und gebaut habe mit denen ich zufrieden bin. In diesen Jahren unterstützte mich Joel mit Rat, Kommentar und Einführung in die Sachliteratur.

Von 2013 bis 2015 hatte ich die Möglichkeit, Orgel und Clavichord bei Joel in Göteborg zu studieren und zugleich am Bau einiger seiner Instrumente teilzunehmen. Während dieser Zeit haben wir an einer Arbeit über klangliche Unterschiede der verschiedenen Holzarten für Resonanzböden gearbeitet. Joel hat mir die Bedeutung des Studiums historischer Modelle beigebracht und zugleich im Stimmen von Materialien eingeführt.

Joel ist nicht nur ein Musiker von seltener Sensibilität, ein sehr guter Lehrer und ein Freund mit einem guten Humor: er ist auch eines der wenigen Beispiele für eine perfekte Vereinigung zwischen Handwerker und Musiker. Für mich ist er ein Beispiel, wie sich diese beiden Aktivitäten, die nicht leicht miteinander in Einklang zu bringen sind, gegenseitig bereichern.

Während meines Studiums in Göteborg lernte ich auch den vortrefflichen Orgelbauer Munetaka Yokota kennen, der den Bau der großen Norddeutschen Barockorgel in Göteborg geleitet hat.
Schnell wurde mir klar, dass dieser joviale und sympathische Gentleman aus Japan ein enzyklopädisches Wissen über tradizionelle Orgelbaukunst und eine ungewöhnliche Klangempfindlichkeit besaß. Von diesen Qualitäten und von seiner Art verlockt, begann ich ihm bei seinen interessanten Projekten zu helfen. Viel von dem, was ich über Orgelkunst weiße, verdanke ich ihm. Während der Arbeit beeindruckte mich besonders seine Aufmerksamkeit für Klang… und Geräusch.
Niemand mehr als Munetaka hat mir die Liebe an althergebrachten Werkzeugen und Baumethoden beigebracht: sich selbst in den gleichen Bedingungen zu setzen, ermöglicht die Denkweise der alten Meister besser zu verstehen.

Eine der wichtigsten Prinzipien für diesen Beruf, obwohl viele Leser dies für Wahnsinn halten werden, ist dass absolute Perfektion im Instrumentenbau eher zu meiden als zu streben sei, denn sie wirkt steril und unnatürlich; Munetaka argumentierte auch, dass Schönheit und Interesse sich einander ergänzen müssen. In der Tat hat er nie versäumt, es zu beweisen, als wir historische Orgeln besichtigten.

Munetaka ist nicht nur ein lieblicher und lustiger Gesprächspartner mit großer musikalischen Sensibilität, sondern auch eine Person, für man sehr gerne arbeitet: er schafft die Stärken jedes Mitarbeiters aufzuwerten und viel Freiheit zu lassen, während er zugleich große Qualität fordert; diese sehr seltene Tugend, war vermutlich das Geheimnis vieler alten Orgelbaumeistern, die verschiedene Arbeitskräfte zu koordinieren wussten um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Keith Hill kann ohne Zweifel als einer der besten Cembali-Erbauer der letzten 250 Jahre eingestuft werden. Dies schwarz auf weiß zu schreiben widerspricht vielleicht den guten Ton; doch in der Tat, sind nur ganz wenige so nah an die akustischen Qualitäten der alten Instrumente gekommen.

Als Junge konnte ich mich nie ganz für Aufführungen am Cembalo begeistern; vielleicht weil sie moderne und unbefriedigende Instrumente waren. Nachdem aber ich ein Instrument von ihm in Konzert hörte, fing ich an das Cembalo mit neuen Augen zu betrachten. So beschloss ich, Keith zu kontaktieren, um ihm zu gratulieren und ihn um Rat zu bitten.
Er antwortete stets höflich, dass er nicht interessiert war, mir praktische Ratschläge zu geben; doch wenn ich mich wirklich verbessern wollte, der erste Schritt war meine Denkweise radikal zu ändern und ein für alle mal den Unterschied zwischen einem getreuen Instrumentenbauer und einem musikliebenden Tischler zu begreifen, denn diese Straßen seien antithetisch.

Bei dieser ungemein offenen Antwort musste ich doch erkennen, dass er im Grunde Recht hatte. Es folgte eine lange Brieffreundschaft mit regem Meinungsaustausch; dabei lernte ich unter anderen auch, mich besser auf Englisch auszudrücken.
Mit der Zeit wuchs auch der Wunsch, bei ihm zu lernen, bis dies im Frühjahr 2019 auch passierte

Keith ist nicht nur ein zutiefst intelligenter Mensch, der sein ganzes Leben der Suche nach einem erhabenen Klang gewidmet hat, sondern ist auch ein Geist, der eine unglaubliche Sensibilität für Klang, Musik und Kunst aufweist. Seine Grundannahme ist, dass die Grundlage des künstlerischen Schaffens, zu dem Musik und Instrumentenbau gehören, die menschliche Wahrnehmung ist. Wenn diese missachtet wird, kann das Ergebnis nur mittelmäßig sein. Folglich sollte ein Instrument im höchsten Sinne nicht als ein Objekt betrachtet werden, das Klang ausstrahlt, sondern als ein Werkzeug, dessen Hauptfunktion musikalische “Affekte” zu erzeugen ist.
In einer Welt, wie jene des Cembalobau, die oft von kalten philologischen Ansätze regiert zu sein scheint, war für mich irgendwie erfrischend von ihm zu erfahren, dass in Wirklichkeit der Hauptreferent eines guten Instrumentenbauers die emotionale Ebene sein muss.

Die Lehren dieser Kollegen, an die mich ein Gefühl der Dankbarkeit und Freundschaft bindet, haben sich wunderbar ergänzt und mir ermöglicht, den Weg zu immer besseren Instrumenten fortzusetzen.

Mit ihnen möchte ich auch der tüchtige Orgelbauer Andrea Zeni danken, der mir immer freundlich geholfen hat, die besten Rohstoffe zu finden und oft wertvolle Anregungen über deren Verwendung gegeben hat.

Abschließend danke ich allen Freunden und Kollegen, die meine Arbeit wertschätzten und meine Tätigkeit unterstützt haben, indem sie meine Instrumente kauften oder sie bei Konzerten und Aufnahmen nutzten: mit ihren Anregungen, Wünschen und Ideen haben mir wertvolle Rückmeldung über gute und verbesserbare Dingen gegeben.
Dies scheint eine eher geringe Sache; doch im Leben eines Instrumentenbauer wenig ist eigentlich so wertvoll wie die Rückmeldungen von Musikern und Zuhörer.

Ohne all diese Menschen hätte ich es nie geschafft, und möchte diese Gelegenheit nutzen um sie alle zu danken!