Das erste Instrument

Dies ist der erste von zwei Artikeln, die gedacht sind, Anfänger bei der Wahl eines geeigneten Instrument zu helfen. Angesichts der Häufigkeit, mit der ich mit diesen Thema konfrontiert wurde, habe ich gedacht, es wäre nicht schlecht, in einem kurzen Text die grundlegenden Fragen zu behandeln. Zusätzlich habe ich noch einen Artikel spezifisch dem Clavichord gewidmet, da dieses Instrument leider noch zu wenig bekannt ist.

Ich glaube nicht hier das Thema ausschöpfen zu können, aber ich hoffe zumindest die häufigsten Fragen zu beseitigen; zugleich will ich den Interessierten die Möglichkeit geben, sich mit konkreteren und gezielteren Fragen beraten zu lassen.

Zunächst möchte ich allen klarstellen, dass so was wie das universale Instrument nicht gibt: deine Aufgabe wird es nur sein, ein für dich geeignetes Instrument zu wählen. Da niemand deine Bedürfnisse besser kennt als Du, hast du auch die besten Voraussetzungen dazu. Aber um langfristig zufrieden zu sein, rate ich dir, vor allem vom Repertoire auszugehen: mit einer Wahl nach sonstigen Kriterien (zb. Platz, Preis…) riskierst du deinen musikalischen Ansprüche nicht gerecht zu werden. Das ist mein erster und wichtigster Ratschlag.

Da heute nur drei Tasteninstrumente studiert werden, werde ich drei verschiedene Fälle betrachten: den eines Pianisten, eines Cembalisten und eines Organisten. Natürlich ist es schwierig, Anweisungen zu geben, die für alle gleich gut passen; ich werde aber mindestens die häufigsten Bedürfnisse berücksichtigen.

Wenn dein Hauptinstrument das (moderne) Klavier ist und Du dich für das Repertoire des späten 18. Jahrhunderts interessierst (Empfindsamkeit, Klassik…), dann kommt neben dem Fortepiano, nur noch das Clavichord in Frage, denn es eignet sich sehr idiomatisch zu dieser Art von Musik. Es stimmt doch, dass das Cembalo für lange Zeit noch in Gebrauch blieb; aber es stimmt auch, dass sein Einsatzgebiet allmählich verengt wurde und, dass es in den Werken der Klassik spürbar wird, dass Musik einen anderen Weg eingeschlagen hatte.

Nicht aber gleich jedes Clavichord ist passend: die geeignetste Instrumente für das klassische Repertoire sind wohl aus der Zeit um 1775 und später. Auch wenn es Fünfoktavige Instrumente aus der Zeit 1740-1760 gibt, wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Clavichord mehr und mehr an das neue Repertoire angepasst; und zwar nicht nur im Klavierumfang, sondern auch auf mechanischer und klanglicher Ebene: das wird in deinem Falle nur von Vorteil sein.

Obwohl ein bundfreies Clavichord eigentlich für das späte Repertoire einiges voraus hat, gibt es dennoch auch zweifach (diatonisch) gebundene Clavichorde, wie etwa die von Hubert (ca. 1780), die zu  dieser Musik außerordentlich gut taugen (besser so als viele ältere bundfreie Instrumente), soweit der Umfang ausreicht.

Der Hauptvorteil jedes Clavichordes im Vergleich zum Klavier ist, dass Du viel mehr Arbeit zu tun hast! Es gibt kein Filter in der Mechanik: durch den Tasten gelangen deine Finger in direktem Kontakt mit den Saiten und Du wirst lernen müssen, die Klangerzeugung vom Anfang bis Ende zu kontrollieren. Der richtige Fingersatz spielt eine grundlegende Rolle und es lässt kein tricksen zu. Vielleicht wirst Du am Anfang ein wenig genervt sein, dich so viel bemühen zu müssen, um nur so wenig Klangvolumen aus dem Instrument zu bekommen; aber mit ein wenig Zeit und Ausdauer wird es dir klar sein, dass Kontrolle und Sauberkeit, wie von diesem Instrument vorgeschrieben werden, auch beim Vortrag auf dem Klavier sehr wertvoll sind.

Wenn Du hauptsächlich Cembalo spielst und ein Instrument zum üben suchst, gibt es gleich drei verschiedene Möglichkeiten: Cembalo, Virginal bzw. Spinett oder Clavichord. Alle haben ihre Eigenschaften, so dass jedes Instrument seine passenden Anwendungen hat.

Es ist natürlich, dass jede Art von Cembalo für das eigene Repertoire gewachsen ist: ein Französisches Cembalo eignet sich gut für Couperin und ein Italiener für Pasquini; gleichzeitig ist ebenso offensichtlich, dass ein Cembalist nicht gleich 5 verschiedene Instrumente im Haus haben kann und, dass es ein wenig Elastizität braucht. In der Tat wissen wir, dass Cembali in historischen Zeiten oft importiert wurden, wie bei Luxusgütern normal der Fall ist; Außerdem reisten die Musiker selbst weit mehr als die Instrumente. Deshalb besteht es auch kein Grund aus dem philologisch-korrekten Baustyl einen absoluten Totem zu machen. Qualität ist eindeutig ein viel wichtigerer Parameter: meine Erfahrung zeigt deutlich, dass je besser das Instrument ist, desto mehr Musik man mit voller Zufriedenheit darauf spielen kann. Und das gilt natürlich nicht nur für Cembali.

Ein herzlicher praktischer Ratschlag ist, Zweimanualige Cembali zu vermeiden, es sei denn, Du hast wirklich die Ressourcen, um dabei einwandfreie Qualität zu kaufen: weil diese Instrumente notwendigerweise eine große Menge Arbeit und Material erfordern, sei vorsichtig vor einem billigen “Double”, denn das Sparen könnte genau dort sein, wo Du es nicht gewollt hättest. Auch ist die Regulierung für Laien nicht immer so einfach. Bei begrenzten Ressourcen und Erfahrung ist allemal besser, sich an einem einfacheren Instrument zu orientieren: ein Cembalo mit einer Tastatur bei adäquaten Umfang eignet sich doch für den Großteil des Repertoires, mit nur wenigen Ausnahmen; darüber hinaus kannst du es bei Konzerte viel leichter transportieren.

Zu den einfachsten und doch vielseitigsten Cembali zählen es zweifellos die Italiener. Die Tatsache, dass sich ihre Grundkonstruktion zwischen 1500 und 1800 relativ wenig verändert hat, lasst uns vernünftig vermuten, dass sie zu einem großen Repertoire einigermaßen gut taugen. Sie sind erschwinglich, leicht und stabil, und können sich gut sowohl im Continuo als auch im Obbligato behaupten. Das gleiche Instrument kann “inner-outer” gebaut werden (das heißt mit dünnen Wände) oder “false inner-outer” (das heißt mit dickeren Außenwände). Erstere sind von erhabener Eleganz, aber zart; zweiteren sind wohl weniger faszinierend, aber zugleich praktischer. Das Repertoie bis um 1650 lässt auch mit nur einem einzigen 8′ gut spielen; das gleiche gilt für das frühe Continuo. Für spätere Musik sollte man jedoch von einer Disposition mit zwei 8′ ausgehen.

Wenn Du keinen Platz für einen Cembalo hast, könntest Du ein Virginal oder ein Spinett in Betracht ziehen. Wichtig ist, Du weißt was man sich von diesen Instrumente erwarten soll; denn sie sind, wie ich anderswo erkläre, nicht nur bloß verkleinerte Cembali.
Das Virginal ist wohl übrigens eine sehr gute Wahl für echte Liebhaber der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts. Der Klang ist rund und warm, dem Cembalo in keiner Hinsicht unterlegen: darum eignet sich das Virginal sowohl für Repertoire als auch für Continuo, zumal es an Lautstärke nicht mangelt. Auf der anderen Seite erfordert es ein wenig mehr Wartung als ein Cembalo und vor allem dann, wenn man es oft herum transportiert. Was Du auch unbedingt wissen sollst, ist, dass Virginale, sowohl klanglich wie auch spieltechnisch (Waagepunkt), nicht sehr gut zum späteren Repertoire taugen. Glaube nicht, es reiche bloß eine chromatische Baßoktave bauen zu lassen: Bach und Scarlatti lassen sich nur mit Mühe am Virginal vortragen.

Das typische Querspinett des 18. Jahrhundert kommt hingegen dem Cembalo mechanisch eher nah; leider kann es aber manchmal diesem klanglich noch entfernter sein als ein Virginal. Oft erzeugen einige Bereiche dieses Instruments eine übermäßige Resonanz oder weisen sie einen höhlenartigen Klang auf; viel hängt aber vom Modell ab (vor allem bezüglich Anreißpunkt). Letztendlich ist es auch eine Frage des Geschmacks ob es einem Virginal- und Spinettklang reizen oder nicht; gerade deswegen rate ich dir einige Virginale und Spinette genau anzuhören und auszuprobieren, bevor Du entscheidest, dass es wirklich dein Instrument ist: wenn man bedenkt, dass Kosten ungefähr ähnlich sind, könnte für so manchen ein kleines Cembalo eine vielseitigere Option darstellen als ein Spinett.

Die dritte Möglichkeit ist ein Clavichord in Betracht zu ziehen, wobei sofort zu bemerken ist, dass es tatsächlich ein völlig anderes Instrument ist als das Cembalo: darin liegt auch sein Vorteil. Hoffe also bitte nicht, es schon beim ersten Versuch zu meistern: es wird einige Zeit dauern, bis Du die passende, auf dem Gewicht basierende Technik gelernt hast. Lass dich nicht dadurch demütigen, denn hier liegt auch die gute Nachricht: was Du am Clavichord lernst, macht dich auch am Cembalo gleich besser. Aus diesem Grund hielten es die Theoretiker der Barockzeit für eine grundlegende Säule in der Ausbildung eines Clavierspieler.

Das Clavichord für den Cembalist hat nur einen einziger großen Nachteil: Es ist nicht für Aufführungen im großen Rahmen geeignet. Du kannst in einem Raum spielen, der nicht zu groß ist, vor einem kleinen Publikum und höchstens eine Flöte oder eine Geige mit Sordino damit begleiten. Mehr als dies kann man nicht verlangen, weil das Volumen begrenzt ist. Abgesehen von der Klangstärke, hat das Clavichord aber so viele Vorteile, dass es vielleicht doch das Instrument für dich sein könnte: es ermöglicht sogar nachts zu üben ohne andere zu stören; Wartung ist fast null; es reicht das Instrument 3 oder 4 Mal im Jahr zu stimmen; es ist robuster, erschwinglicher und platzsparsamer als ein Cembalo; es ist ganz einfach zu transportieren und leidet dabei nicht.

Musikalisch gesehen ist das Clavichord es ein Instrument, das noch mehr Sauberkeit, Kontrolle und Aufmerksamkeit beim Fingersatz als das Cembalo erfordert. Durch seine Vielfalt an Nuancen wird dich das Instrument ermutigen dein Vortrag ausdrucksvoller zu gestalten. Im Grunde ermöglicht dir ein gutes, gebundenes Clavichord mit etwas mehr als 4 Oktaven, den Großteil des Cembalo-Repertoires zu üben.

Wenn du aber, wie ich, vor allem Orgel spielst, dann ist die Situation meiner Meinung noch klarer. Abgesehen von italienische und französische Orgeln, haben alle große und berühmte historischen Instrumente (darunter die von Schnitger, Müller, Silbermann, Trost…) neben vielen Unterschieden eines gemeinsam: die Klaviaturen sind ziemlich schwergängig. Sie “angenehm schwer” oder “entsetzlich schwer” zu finden, ist nur eine Frage der Gewohnheit und des Geschmacks; aber aus dem Sichtpunkt deiner Karriere, rate ich dir, sie schätzen zu lernen. Für mich sind die wichtigste Aspekte einer Traktur nur zwei: Kontrolle über das Instrument zu ermöglichen und eine gewisse natürliche und intuitive Beziehung zwischen Anschlag und Klang zu bilden. “Schwer” oder “leicht” interessiert mich, seitdem ich mit Gewichttechnik spiele, nur mehr wenig. Ich war aber immer wieder überrascht zu bemerken, wie die alte Trakturen meistens für beide Kriterien gut konzipiert sind. Es gibt kein Grund zu erwarten, dass ein 16′-Hauptwerk so leichtgängig wie ein Oktavspinett fühlen soll; aber eine gute Traktur soll dem Organisten doch das Gefühl geben, den Wind mit den eigenen Fingern zu kontrollieren. Eigentlich würde in diesem Falle die Aufführung von einer größeren mechanischen Leichtigkeit kaum profitieren, denn die große Klangmasse in Kombination mit der Akustik eignet sich wohl nicht für große Geschwindigkeit. Wenn die Organisten diese Regel nicht einhalten, verliert die Aufführung allmählich an Klarheit und eine Fuge wird bald zu einem impressionistischen Werk.

Selbstverständlich ist die Traktur einer historischen Orgel sehr weit entfernt vom Spielgefühl eines digitalen Instruments, aber auch von dem einer kleinen Hausorgel oder eines Cembalo. Das einzige Tasteninstrument, dass wirklich lehrt, das natürliche Gewicht des Körpers zu verwenden, was der Schlüssel zur Beherrschung historischen Trakturen ist, ist das Clavichord. Ich bin also der Meinung, dass ein Cembalo nicht das beste Übungsinstrument für die große Orgelliteratur ist. Auch eine Hausorgel, obwohl für die meisten wohl kaum erschwinglich, garantiert keine besseren Ergebnisse als ein gutes Clavichord. Obwohl dies für einige Leser wahrscheinlich eine seltsame Theorie scheinen wird, wenn wir uns in den Museen umschauen, müssen wir erkennen, dass aus Deutschland, neben eines paar Dutzend Cembali, mehrere hunderte Clavichorde zu uns gekommen sind. Wenn wir dann auch die alten Traktate berücksichtigen, müssen wir zum Schluss kommen, dass die meisten deutschen Organisten der Vergangenheit vornehmlich am Clavichord übten. Wenn du zum Thema interessiert bist, lade ich dich ein, das schöne Buch meines Lehrers, Joel Speerstra, zu lesen.

In der Praxis bevorzugt das Orgelrepertoire bis 1850 einfachere Tonarten als das weltliche. Auch erfordert es keinen so breiten Umfang: ein zweifach gebundenes Clavichord mit etwa 4 Oktaven ist alles, was man dazu wirklich braucht. Doch die Besonderheit der Orgelmusik liegt im virtuosen Pedalspiel. Wenn man zunächst keine großen Ansprüche hat, kann man eine Pedalklaviatur auch nur zu einem gewöhnlichen Clavichord verbinden. Doch langfristig zählt sich für einen Organisten eher aus, ein unabhängiges Clavichord für das Pedal anzuschaffen, zumal es als Unterlage für das Manual keinen so großem Platz beansprucht; und wer noch mehr möchte, kann zum Schluss auch ein zweites Manual ergänzen. Die Wirkung mehrere Clavichorde, zusammen gespielt, ist wirklich angenehm und erinnert an die verschiedenen Werke einer Orgel; darüber hinaus kann man auch wählen, ob man das Pedal auf 8′- oder 16′ -Basis spielt. Ein Pedal-Clavichord ermöglicht eine riesige Menge an Orgelliteratur zu studieren: grundsätzlich alles von Sweelinck bis Mendelssohn; und dies sogar bequem und warm zu Hause, wo man von keinen kirchlichen Veranstaltungen eingeschränkt ist. Mit Dynamik und alle Feinheiten des Clavichords gewinnst Du Musikalisch eine völlig neue Perspektive über Orgelmusik.

Ich hoffe, ich habe Dir einen allgemeinen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten gegeben. Ich habe, wie ich zum Anfang sagte, nur die typischsten Fälle berücksichtigt, und Du könntest vielleicht wohl andere Bedürfnisse haben.

Das letzte Ratschlag ist über Qualität: unabgesehen vom Typ und im Gegensatz zur Landläufige Meinung, eignen sich als Übunginstrumente nur ausgesprochen gute bis sehr gute Instrumente. Der Grund liegt in uns: wenn der Klang von unsere Ohren als uninteressant oder gar langweilig (“monoton” heißt eben buchstäblich “immer gleichen Klang”) empfunden wird, schaltet unser Gehirn allmählich ab und wir können uns bald nicht mehr gut konzentrieren. Das ist Schädlich nicht nur insofern man viel Energie und Zeit umsonst verschwendet, sondern viel mehr, weil diese Art von Üben junge Musikern nicht zu einer musikalisch zufriedenstellenden Vortrag erzieht, sondern lediglich zu einer Art hochspezialisiertes Maschinenschreibens.